Festivals und das Müllproblem

Die Festivalsaison 2017 ist bereits in vollem Gange. Gute Stimmung, gute Musik, Spaß und vor allem Berge von Müll
mit inbegriffen. Nach einem beendeten Festival ähnelt das Gelände meist einer Müllhalde. Halbe
Wohnzimmereinrichtungen, die auf dem Zeltplatz zurückgelassen werden sind da kein seltener Anblick. So richtig
auffallen tun diese Möbel aber eigentlich auch gar nicht mehr zwischen den Tonnen von wahllosem Abfall. Müll auf
Festivals ist ein großes Problem, aber wie viel Müll entsteht eigentlich auf bekannten Festivals, wer kümmert sich um
die Entsorgung und was kann man als Veranstalter und als Festivalbesucher in Sachen Müllvermeidung und
Nachhaltigkeit auf Festivals tun? Diese Fragen haben wir in dem Folgenden Beitrag für euch beantwortet.

 

Müll auf Festivals – Was wird zurückgelassen?

Der Kreativität der Festivalbesucher werden keine Grenzen gesetzt. Je mehr lustige, bunte Klamotten und Gadgets,
desto besser. Ein Festival soll ja schließlich als Ausflucht aus der Realität dienen – wenn auch nur kurz. Die Nächte
werden zum Tag, man bleibt wach bis zur absoluten Erschöpfung. Immerhin war das Ticket ja ziemlich teuer und die
Zeit muss ausgekostet werden. Am Ende ist der Stauraum im Backpack begrenzt und die Muskelkraft, die zum Tragen
noch übrig ist ebenfalls. Dass man den Einhornrucksack, das alte Sofa von Oma und das billige Zelt danach eventuell
nicht mehr mitschleppen möchte, überrascht da wenig. Folgende Dinge werden auf Festivals am liebsten an Ort und
Stelle zurückgelassen:

  • Zelte
    Kurz vor der Anreise kaufen die Besucher oft extrem günstige Zelte, die ohne schlechtes Gewissen schnell zu
    “Einmal-Zelten” umfunktioniert und nach Ende der Veranstaltung einfach liegengelassen werden.
  • Heringe
    Selbst wenn Zelte wieder mitgenommen werden, bleiben oft die kleinen Metallheringe im Boden zurück. Vor
    allem, wenn Regen den Boden weich und matschig gemacht hat. Abgesehen davon, dass Metall nicht in Felder
    und Wiesen gehört, sind solche Heringe tückisch, denn wenn das Festivalgelände normalerweise
    landwirtschaftlich genutzt wird, können die Maschinen, die den Boden bearbeiten von den Heringen Schaden
    nehmen. Das ist beispielsweise bei der Fusion der Fall. Nehmen Maschinen so Schaden, kann das auf die
    Veranstalter zurückgeführt werden, was wiederum auch Konsequenzen auf die Umsetzung des nächsten
    Festivals haben kann.
  • Schlafmatten und Schlafsäcke
    Was beim ersten Mal Auspacken noch so platzsparend eingerollt war, wird beim Einpacken manchmal zum
    Problem. “Ach was soll’s, dann kaufe ich das eben neu.” denken sich anscheinend einige Festivalbesucher. Denn
    Isomatten und Schlafsäcke zählen ebenfalls zu den auf Festivals meist zurückgelassenen Dingen.
  • Konfetti
    Die bunten Papierschnipsel sind in der Wohnung ein super Partykracher, aber haben auf einer Wiese oder im
    Wald definitiv nichts zu suchen. Die Fusion ruft jedes Jahr ihre Gäste dazu auf, das Streuen von Konfetti auf dem
    Gelände zu unterlassen. Und das verständlicherweise, denn wer möchte schon gerne eine Wiese saugen?
  • Ganze Wohnungseinrichtungen
    Manche Festivalgänger nehmen ihr halbes Mobiliar mit auf die Veranstaltung und sind so der Mittelpunkt des
    Campingplatzes. An sich ja eine tolle Idee – aber nur, wenn man die Möbel dann auch wieder mit nach Hause
    nimmt. Auf einem verlassenen Festivalgelände lässt sich meistens so gut wie alles finden: Sofas, Stühle, Lampen
    und sogar Kühlschränke werden nach dem Festival als Müll degradiert. Diese Gegenstände müssen dann vom
    Veranstalter kostenintensiv als Sonder- oder Sperrmüll abtransportiert werden.
  • Lebensmittel und Grills
    Auch sehr beliebt als einmaliger Gebrauchsgegenstand auf Festivals: Der Grill. Er darf nicht fehlen, da er oftmals
    den Mittelpunkt von Gruppengemeinschaften bildet. Aber wieder mit nach Hause nehmen wollen ihn manche
    Festivalgäste auch nicht. Die Entsorgung wird dann automatisch Sache des Veranstalters. Zu einem Festival
    gehört auch eine Grundverpflegung, die manchmal ausartet. Besucher nehmen mehr Nahrungsmittel mit als sie
    tatsächlich verzehren können. Eigentlich noch essbare Überreste landen bei der Abreise im Schlimmsten Fall
    einfach im Matsch.
  • Glasflaschen
    Neben Plastikmüll jeder Art bleiben auch Glasflaschen zurück. Nicht zwangsläufig im Ganzen, sondern teilweise
    nur noch als Scherbenhaufen müssen die Reste von Helfern zusammengesammelt und entsorgt werden. Manche
    Festivals haben aus diesem Grund bereits ein Glasflaschenverbot eingeführt.

 

Wie viel Müll wird auf bekannten Festivals produziert
und wie versuchen die Veranstalter den Müll zu vermeiden?

 

Müll auf dem Hurricane Festival

In Sachen Müll macht das Festival seinem Namen alle Ehre. Auf dem seit 1997 in Scheeßel stattfindenden Rockfestival
fallen jedes Mal fast 500 Tonnen Müll an. Das entspricht 50 randvollen Müllautos. Damit diese Müllberge nicht einzig
und allein von Helfern zusammengesucht werden muss, gibt es auf dem Hurricane, wie bei vielen anderen großen
Festivals, einen sogenannten Müllpfand. Das bedeutet, dass im Festivalticket bereits 10€ als Pfand für Müll enthalten
sind. Am Eingang bekommt jeder Besucher 1 oder 2 große blaue Müllsäcke, die er mit Müll gefüllt dann vor der Abreise
an einer der insgesamt 6 Recyclingstationen / Müllinseln wieder abgeben kann. Für die Abgabe voller Müllsäcke gibt
es dann die 10€ Pfand wieder zurück. Des Weiteren ist auf dem Hurricane eine eigene Müllabfuhr von Freitag bis
Montag ganztägig im Einsatz, die mit ihren
offiziellen 100 Mitarbeitern bereits während des Festivals für Ordnung sorgt. Mittlerweile gibt es auf dem Hurricane
die Initiative “
Grün Rockt!”, die u.a. Durch folgende Punkte für mehr Nachhaltigkeit auf dem Festival sorgen soll:

  • Das Festivalticket enthält automatisch eine kostenfreie Anreise mit der Bahn
  • Auf dem Festival wird eine Mitfahrbörse angeboten, sodass sich Fahrgemeinschaften bilden. So können mehr
    Besucher in weniger Autos nach Hause fahren.
  • Besucher können am Ende des Festivals die Lebensmittel, die sie nicht mehr verbrauchen werden und nicht mit
    nach Hause nehmen möchten im Foodsharing-Zelt abgeben, gegen andere Nahrungsmittel eintauschen oder
    einfach das dort mitnehmen, was sie wirklich noch verzehren möchten. Alles, was dann noch übrig bleibt wird
    vom Veranstalter an die Tafel vor Ort gespendet.

Auch für das Problem von herrenloser Campingausrüstung gibt es einen Lösungsansatz: Ein Stand, an
Festivalbesucher ihren Campingbedarf spenden können, um ihn nicht wieder mit nach Hause nehmen zu müssen. Die
gesammelte Ausrüstung wird dann an Bedürftige wie Obdachlose oder Geflüchtete weitergegeben. Doch nicht alle
bringen ihre Zelte und Isomatten zu diesem Zelt: 2016 wurden nach dem Ende des Festivals 326 liegengelassene Zelte,
54 Isomatten und dutzende Schlafsäcke von Helfern eingesammelt.


Trotz dieser Maßnahmen ist die Menge an Müll, die auf dem Hurricane entsteht enorm, sodass Müllentsorgungsfirmen
mehrere Tage benötigen, um die Müllhalde wieder in ein Feld zu verwandeln.

 

Müll bei Rock am Ring Festival

Rock am Ring ist wahrscheinlich das größte Rock-Festival Deutschlands, das den Großteil seiner Geschichte auf dem
Nürburgring stattgefunden hat und meist parallel zum Rock im Park läuft.

Die mehr als 80.000 Besucher produzieren auf dem 3-Tage-Festival  jedes Mal zwischen 600 und 800 Tonnen Müll.Diese Menge entspricht dem, was 3.000 Menschen zusammen in einem ganzen Jahr produzieren würden. Dementsprechend aufwendig ist auch die Aufräumaktion im Nachgang: 5 Kehrmaschinen, 3 Müllwagen, und über 200 Helfer benötigen bis zu 2 Wochen, bis das Gelände wieder aussieht wie vorher. Dabei trennen sie bis zu 20 verschiedene Arten von Abfall. Auch bei Rock am Ring wurde der Müllpfand eingeführt, um den Aufwand der Helfer nach dem Festival zu reduzieren.
Das gesamte Ausmaß des Rock am Ring 2016 könnt ihr in diesem Video sehen.

 

Müll bei Rock im Park Festival

Dieses Festival findet seit 1993 jährlich als Parallelveranstaltung zu Rock am Ring statt. In den 3 Tagen produzieren die
über
88.000 Besucher ganze 300 Tonnen Müll. Das bedeutet, dass jeder einzelne Gast insgesamt im Schnitt 3,4 Kg
und pro Tag etwa
1,13 Kg Müll produziert.

Eine neue Entwicklung in Sachen Abfall macht dem Veranstalter zu schaffen: Die Firma, die sich um das Aufräumen des
Geländes und um den Abtransport des herumliegenden Mülls kümmert, musste gewechselt werden. Diese hatte
jedoch nicht mit solch enormen Mengen an Müll gerechnet und konnte den Zeitplan nicht einhalten. Deshalb haben
sich nun Anwohner beschwert, die nicht neben einer Müllhalde leben wollen. Stellt sich nun die Frage, wie es mit dem
Festival weitergehen wird, wenn sich das Müllproblem nicht lösen lässt.

 

Müll beim Wacken Festival

An diesem Festival nehmen jedes Jahr mehr als 70.000 Metalheads teil. Was zurückbleibt sind etwa 1.000 Tonnen
Müll
auf 250 Hektar Fläche verteilt. Beim Wacken hat sich ein Konzept entwickelt, bei dem nach Ende des Festivals
bestimmte Gruppen, beispielsweise Anwohner, auf das Gelände gelassen werden, die
mitnehmen dürfen, was sie
finden
und behalten wollen. So wird Wertvolles von wirklichem Müll getrennt und die Menge an herumliegendem
Kram minimiert. Was danach noch liegen bleibt kommt geordnet in den Müll.


Auch
Pfandsammler werden direkt nach Abreise der Besucher aufs Festivalgelände gelassen. Nach einer 4 stündigen
Sammelaktion
kommt so gut und gerne Pfand im Wert von 500€ zusammen. Eine Win-Win-Situation für
Pfandsammler und Veranstalter also.


Zum Schluss kommen
professionelle Müllsammler aufs Festivalgelände, die von den Veranstaltern engagiert wurden.
Sie laufen sogar mit Metalldetektoren übers Gelände und suchen Metallrückstände wie Heringe im Boden. Dieses
Metall wird anschließend verkauft und das so generierte Geld vom Veranstalter für gemeinnützige Zwecke
gespendet.
Jeder über 15 Jahren kann sich über die offizielle Website von Wacken vor dem Festival als Müllsammler anmelden
und seinen Teil zur Nachhaltigkeit beitragen.

 

Müll beim Southside Festival

Das Southside ist eines der größten Festivals in Deutschland, das seit 1999 jährlich stattfindet. Die circa 60.000
Besucher
produzieren in den 3 Tagen des Festivals etwa 150 Tonnen Müll.
Um diese Menge an Abfall unter Kontrolle zu bekommen, gelten auf dem Southside genauso wie auf dem Hurricane die
Vorgaben der Initiative “Grün Rockt!”. Somit ist bereits ein Schritt in die richtige Richtung getan.

 

Müll beim Sputnik Springbreak Festival

Das im weitesten Sinne Elektronica-Rock-Festival findet seit 2008 auf der Halbinsel Pouch bei Bitterfeld statt. Bis zu
25.000 Festivalgänger besuchen das Festival jedes Jahr und lassen bis zu 140 Tonnen Müll zurück. Die teils starken
Windböen erschweren die Aufräumarbeiten noch zusätzlich und bringen das Risiko, dass Müll und vor allem Plastik im
Meer landet.
Hier gibt es mehr Informationen über die Auswirkungen von Plastik im Meer.

Trotz der erschwerten Bedingungen ist das Festival in Sachen Müllvermeidung und Nachhaltigkeit ein gutes Beispiel.
Von 2015 zu 2016 habe sich die Menge an Müll halbiert. Grund dafür ist das Glasflaschenverbot, das akribisch genau
eingehalten wird. So greifen die Besucher mehr zu Dosen, was Scherben vermeidet und durch den höheren Pfand
wiederum Pfandsammler anzieht, die die Dosen nach dem Festival einsammeln.

Des Weiteren gibt es auf dem Sputnik Springbreak keinen Müllpfand wie auf den meisten anderen Festivals. Und es
scheint zu funktionieren: Nach der Abreise der Besucher, die selbst größtenteils bereits für Sauberkeit sorgen, räumen
4 Teams mit insgesamt 90 Mitarbeitern den herumliegenden Müll ein.

 

Müll beim Rockharz Festival

Dieses Metalfestival ist ebenfalls ein gutes Beispiel für die Bewältigung der Müllberge nach dem Open-Air. Seit 1994
kommen
13.500 Besucher zum Gelände, die insgesamt “nur” etwa 60 Tonnen Müll produzieren. Das macht etwa
4,5 kg Müll pro Besucher, was im Vergleich zu anderen Festivals dieser Größenordnung allerdings ziemlich wenig ist.

Das Rockharz verlangt wie das Sputnik Springbreak keinen Müllpfand. Es wird an die Besucher appelliert, ihren Müll
am Ende aus eigenem Antrieb zu den Recyclingstationen zu bringen. Einziger Anreiz ist dabei, dass jeder
Festivalbesucher, der einen vollen Müllsack abgibt, im Gegenzug eine
Luftbildaufnahme des Festivals als A1 Poster
bekommt.


Gegen Müllsünder wird direkt drastisch vorgegangen:
Wer seine Möbel einfach stehen lässt, riskiert eine Anzeige und eine dicke Nachzahlung für die für die
Sonderentsorgung entstandenen Kosten.


Zusätzlich gibt es am Ende des Festivals das “Glück in Dosen”, eine Charity-Aktion, die die Pfanddosen der
Festivalbesucher sammelt und deren Erlöse für gemeinnützige Zwecke spendet. Im Schnitt kommen bei einem Festival
so etwa
16.000€ zusammen.

Müll beim SonneMondSterne Festival

Dieses Elektro-Festival gehört zu den größten in Europa. Seit 1997 tummeln sich auf einer Fläche von 100 Hektar
jedes Mal etwa
35.000 Besucher, die über 200 Tonnen Müll produzieren und liegen lassen. Eingesammelt werden
muss der Abfall dann von mehr als
150 Arbeitern, die Zurückgebliebenes sammeln und trennen, bevor es
abtransportiert werden kann.

 

Müll beim Melt! Festival

Das Elektro-Festival Melt! findet seit 1999 in Ferropolis statt. Die jährlich etwa 20.000 Besucher produzieren jeder
“nur” etwa
5 kg Müll, was insgesamt etwa 150 Tonnen Abfall entspricht. Um die 60 Helfer packen danach an, um das
Gelände wieder vom Müll zu befreien. 
Übrig gebliebene Lebensmittel werden an die Tafel gespendet.

 


QUELLEN:

HURRICANE:
https://www.ndr.de/Hurricane-Muellvermeidung-bei-Musik-Festivals.html

ROCK AM RING:
http://www1.wdr.de/wdr2/audio-muell-auf-dem-festivalgelaende-veranstalter-muessen-mehr-tun.html
http://www.general-anzeiger-bonn.de/Rock-am-Ring-muell-soweit-das-Auge-reicht.html

ROCK IM PARK:
http://www.nordbayern.de/rock-im-park-2017-warum-der-mull-immer-noch-nicht-weg-ist
http://www.antenne.de/nachrichten/300-tonnen-muell-nach-rock-im-park

WACKEN:
http://www.ndr.de/wacken_open_air/Wacken-danach-Campingplatz-als-Geisterstadt,html
https://www.shz.de/abreise-vom-woa-2016-es-bleiben-matsch-und-muell.html

SOUTHSIDE:
http://www.suedkurier.de/Die-Fans-gehen-der-Muell-bleibt
http://www.southside.de/de/infos/gruen-rockt/

SPUTNIK SPRINGBREAK:
http://www.mz-web.de/nach-dem-sputnik-spring-break-140-tonnen-festival-muell

ROCKHARZ:
http://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/festivals-muell.html
http://www.rockharz-festival.com/infos/festival-abc#müll

MELT:
http://www.mz-web.de/wittenberg/muellberge-nach-dem-melt–festival-das-grosse-aufraeumen